Blogparade #ichbingutso

10.07.2014
Als ich auf Twitter gelesen habe, dass Nessa vonWundertolles eine Blogparade zum Hashtag  #ichbingutso startet und ihren
wirklich beängstigenden Artikel zum Thema las, wurde mir ganz schlecht. Ist es
wirklich immer noch so schlimm? Danach habe ich den wunderschönen Artikel von
Berlinmittemom Anna gelesen. Sie verweist auf ein ähnliches Projekt unter #ifeelbeautifulfor.

Auch für mich ist das ein sehr schweres Thema. Aber lest
selbst:

5 Jahre alt
Meine erste Erinnerung an das Gefühl „Ich bin nicht gut so wie ich bin“ stammt aus der Kindergartenzeit. Damals stelle ich zum ersten Mal fest, dass meine Cousine sehr schlank ist, ich dagegen eher moppelig bin. Zumindest in meinen Augen, denn ich bin vielleicht kein spindeldürres Kind, aber auch weit weg von Gewichtsproblemen.
 Das Gefühl jedoch bleibt und steigert sich im Laufe der Jahre immer mehr. Meine Eltern versuchen, mir zu erklären, dass ich einfach einen anderen Körper habe als meine Cousine und dieser auch durch abnehmen nicht auf diese Art dünn sein würde. Sie sagen mir, dass zu dünn nicht schön
sei und ich völlig in Ordnung. Geholfen hat das nur kurzfristig.
11 Jahre alt
Meine Mutter macht eine Vierjahreszeiten-Kur, da sie sich zu dick findet. Sie kocht für sich immer völlig anderes Essen als für meinen Vater, meinen Bruder und für mich, wiegt sich täglich und trägt die Werte in ein Diagramm ein, das in unserem Badezimmer hängt. Gleichzeitig bin ich auf dem Gymnasium von Mädchen umgeben, die gegenseitig den Oberschenkelumfang kontrollieren und sich zum Sport verabreden. Um mitzuhalten, versuche ich bei der Diät meiner Mutter mitzumachen, doch schon am ersten Tag nachmittags habe ich das vergessen und frage in der Stadt nach einer Brezel. Meine Mutter lacht und meint, dass das so halt auch nicht funktioniert. Sie kauft mir die Brezel trotzdem. Ich glaube,
das war das erste Lebensmittel, das ich am liebsten wieder ausgespuckt hätte.
13 Jahre alt
Ich gebe meinen Lieblingssport, das Schwimmen, auf, weil ich mich unmöglich mit einem Badeanzug vor anderen Menschen zeigen kann. Wohl fühle ich mich nur an Tagen, an denen ich so gut wie nichts gegessen oder wenn ich abgenommen habe.
15 Jahre alt
In der Schule laufen die Intrigen und Abwertungen unter den Mädchen zur Hochform auf. Nur wer dünn ist wird akzeptiert. Meine Tante sagt zu mir: „Du bist ja so ein hübsches Mädchen, wenn Du bloß nicht so dicke Beine hättest!“ Ich starte die nächste Diät und esse nur noch jeden zweiten Tag.
16 Jahre alt
Ich gehe zur Frauenärztin und werde zu meiner Anamnese befragt. Ich fühle mich sehr unsicher und die Frage nach meinem Gewicht beantworte ich kleinlaut mit: 51,5 kg. Darauf die Ärztin: „Echt, so viel??“ Ich lasse die Untersuchung über mich ergehen, fahre nach Hause und weine. Die
Praxis betrete ich nie wieder.
19 Jahre alt
Ich verbringe nach dem Abitur 3 Monate in den USA und nehme zum ersten Mal trotz täglichem Sport deutlich zu. Auf dem Heimflug habe ich schon Angst vor den Reaktionen.
20 Jahre alt
In der Ausbildung machen wieder mehrere Freundinnen zusammen Diäten und Sport. Das Thema ist allgegenwärtig. Wenigstens ist es dort wesentlich entspannter und wertschätzender als in der Schulzeit.
21 Jahre alt
Ich mache einen Ausflug mit einer Freundin nach Köln. Wir essen bis um 17 Uhr nur ein paar Karotten und bestellen uns dann einen Salat in einem Bistro. Ich schaffe es nicht, die große Scheibe Knoblauchbrot, die dabei liegt, nicht zu essen und übergebe mich im Anschluss auf der Toilette.
Sofort wird mir klar: Das darf nie wieder sein, sonst bin ich verloren. Zum Glück habe ich diese Grenze nie wieder überschritten.
In den darauffolgenden 10 Jahren habe ich durch Diäten und den Jo-Jo-Effekt immer weiter zugenommen.
31 Jahre alt
Ich beschließe, in diesem Leben keine Diät mehr zu machen.
Ich bin gut so, wie ich bin? Davon versuche ich mich täglich selbst zu überzeugen.
33 Jahre alt
Bedingt durch mein PCO Syndrom werde ich nicht schwanger. Leicht übergewichtig starte ich die Kinderwunschbehandlung. Durch die Hormone habe ich quasi kein Sättigungsgefühl mehr. Ich nehme immer weiter zu. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich wirklich richtig dick. Trotzdem schaffe ich es, meinem Vorsatz treu zu sein und keine Diät zu machen. Die Behandlung hat Erfolg: Ich
bin schwanger. In der 36 SSW habe ich einen Magen-Darm-Infekt. Meine Ärztin freut sich darüber, da ich dadurch bis zum Ende der Schwangerschaft nur 11 statt 13 Kilo zugenommen habe. Zum Glück kann ich mich darüber mittlerweile amüsieren.
35 Jahre alt
Ich beschließe, dass ich schön bin. Für mich, aber auch für meine wundervolle Tochter, das Mädchen, dem ich vorleben will, dass ich mich gut finde. An den meisten Tagen klappt das sehr gut. Da geht es mir wie Anna.
36 Jahre alt
Jetzt bin ich seit zwei Jahren Mutter einer wundervollen Tochter und versuche, ihr nichts von all dem mitzugeben. Ich gehe mit ihr Schwimmen, laufe zuhause nackt herum und mache alles, was ich mich früher nicht mehr getraut habe. Wir bewegen uns viel, essen ausgewogen und sie darf alles
essen, was sie mag – auch Zucker und Fett!
Trotzdem habe ich große Angst, dass sie auch schon bald entdeckt, dass es in dieser Welt Ideale gibt, denen sie vielleicht nicht entspricht. Schon jetzt gibt es immer wieder Leute, die kommentieren, dass sie eher propper ist und wohl gerne isst. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem sie zum ersten Mal das Gefühl hat, zu dick oder nicht hübsch genug zu sein. Und ich habe Angst, dass ich ihr dann nicht helfen kann. Doch alles, was in meiner Macht steht, werde ich tun um in ihr den Gedanken zu festigen: #ichbingutso
Eure Julia aus der guten Kinderstube

3 Comments

  • Liebe Julia,

    was für ein wundervoller Bericht. Wir sind uns scheinbar doch ähnlicher als gedacht ��

    Die gleichen Ängste, welche Du hast, habe ich auch, aber wir werden unseren Mäusen soviel mitgeben, dass sie das schaffen werden. Da bin ich mir sicher ��

    Vielen lieben Dank für Deine Nominierung für den liebsten Award. Gerne nehme ich diesen an. Meine Antworten findest Du hier:

    http://blog.glueckpunkt.de/2014/10/tragemama-und-liebster-award.html?m=1

    Ich werde den Award allerdings nicht weitergeben, denn dies war bereits meine dritte Nominierung. Ich hoffe sehr, Du bist damit einverstanden.

    Einen lieben Gruß
    Mirja

  • Simone sagt:

    Nun bin ich irgendwie über zig Ecken hier gelandet…
    Toller, ehrlicher und auch etwas trauriger Bericht, wie ich finde.
    Ich kenne weder dich, noch deine Figur, aber das was ich auf dem Foto erkennen kann, ist eine bildhübsche Frau!
    Alles liebe für dich und deine Tochter.

  • Julia sagt:

    Danke für das Kompliment! Ja, ich finde es selbst sehr traurig, wie viel Lebenszeit ich mit diesem Scheiß verbracht habe und wie schlecht ich mich gefühlt habe und ganz manchmal, selten noch fühle.
    Aber die meiste Zeit mag ich mich jetzt.

    Ich hoffe, dass unsere Töchter – und auch Dein Sohn – das alles nicht mitmachen und sich gleich schön finden 😉

    Liebe Grüße

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