Frag die gute Kinderstube – Mein Kleinkind haut

04.02.2018

In meiner neuen Kategorie „Frag die gute Kinderstube“ beantworte ich Fragen von Eltern zu ganz typischen Situationen im Familienleben. Dazu haben mir bereits ein paar liebe Menschen ihre Fragen gestellt. Den Anfang macht heute ein „Klassiker“: Wie können wir das aggressive Verhalten unseres Kleinkindes gut begleiten?

Frag die gute Kinderstube

Hier die ausführliche Frage:

Hallo Julia,

K1 (3,5) tut K2 (und uns) weh. Es hört nicht auf. Gerade eben ist es wieder passiert: K1 hat den Kopf von K2 wiederholt gegen den Sessel geschubst. Wie kann ich das gut begleiten? Mich macht es primär unglaublich wütend und ich werde da schnell aggressiv. Ich habe auch versucht abzulenken, konkret mich K1 zuwenden und Aufmerksamkeit diverser Formen anbieten und K2 aus dem Gefahrenbereich zu holen. Letzteres klappt nicht gut. K1 klammert sich dann an meine Beine, schlägt mich, den Bauch, bringt mich zum Stolpern.

Es hat ca. Ende November/Anfang Dezember angefangen. K3 kommt im März zur Welt. Es sind keine bestimmten Situationen: Manchmal geht es quasi mit dem Aufstehen los, manchmal kommt es aus dem Nichts. Dann sitzt K2 an einer ganz anderen Stelle ruhig und spielt allein, K1 eigentlich auch. Auf einmal pest es rüber und schlägt oder schubst.

Ich kann damit auch umgehen wenn ich einen Anlass sehe (z. B. weggenommenes Spielzeug oder so). Aber diese für mich anlasslosen Attacken, die sind schlimm. Auf Nachfragen sagt das Kind, dass es nicht weiß, warum es das macht. Manchmal sagt es, es findet das lustig, wenn K2 weint. Also, nach den Situationen reden wir drüber, trösten wir beide Kinder. Aber IN den Situationen haben wir noch keine gute Lösung für alle.

Meine Antwort

Puh, Geschwisterstreit und aggressives Verhalten sind wirklich keine einfachen Themen. Denn für uns Erwachsene ist es ein absolutes Tabu: Anderen weh tun geht gar nicht!

Schließlich wurde uns das so beigebracht. Wahrscheinlich wurden die meisten von uns ordentlich geschimpft als Kind – und manche paradoxer Weise selbst geschlagen – wenn wie so „böse“ waren. Wir reagieren also instinktiv gestresst und emotional.

Hinzu kommt, dass wir weder wollen, dass unser Kind verletzt wird noch dass wir Angst haben müssen, dass unser Kind scheinbar grundlos gewalttätig wird. Beim Geschwisterstreit haben wir gleich beides in einem und die Sache mit der Ruhe und der Harmonie, die wir uns so sehr für unsere Familie wünschen, ist auch dahin.

Doch wie ist das aus Sicht eines dreijährigen Kindes?

Zuerst einmal ist es hilfreich zu wissen, dass das Kind sich völlig altersgerecht verhält. Es ist nicht böse und wird auch deshalb in Zukunft kein „Schläger“. Es hat ganz einfach noch nicht die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln. Das heißt, es weiß noch nicht, wie sich sein Gegenüber fühlt und fühlen wird, wenn es haut oder beißt. Gleichzeitig agiert es seine Impulse fast immer direkt aus, denn auch die Impulskontrolle funktioniert noch nicht zuverlässig. Wenn es zum Beispiel wütend wird, haut es sofort und feste, ohne die Folgen einzurechnen.

Das Gute ist, das Gehirn sammelt diese Erfahrungen (Oh, mein Gegenüber weint/blutet/hat eine Verletzung/wird wütend/tut mir auch weh) und nach und nach entwickeln sich Perspektivwechsel (bis ca. 5 Jahre) und Impulskontrolle (bis ca. 6) aus. Soviel zur Theorie.

Kinder am See

Doch wie in der Zwischenzeit ganz konkret damit umgehen?

Sind Kinder wütend oder ärgerlich, finden wir Eltern es noch relativ einfach, mit der Situation umzugehen, denn das Verhalten ist für uns nachvollziehbar. Wir trösten im besten Fall beide Kinder. Wenn die schlimmste Spannung raus ist, können wir helfen indem wir die Gefühle und die Situation in Worte fassen.
„Du wolltest das haben. Xy wollte das auch haben. Ihr habt gestritten. Du bist unheimlich wütend. Xy weint jetzt. Xy hat das weh getan. Du bist traurig. (Oder noch sauer oder…)
Das kann den Kindern helfen, die Gefühle zu verstehen, gut abzuspeichern, was die Folgen des Hauens waren und sie sehen auch, dass sie verstanden wurden. Dies funktioniert allerdings erst, wenn das Kind sich halbwegs beruhigt hat, denn vorher kann es Sprache nur bedingt wahrnehmen, bitte also nicht zu viel reden.

Als nächstes können wir dem Kind Alternativen für den Impuls anbieten: In ein Kissen hauen oder schreien, aufstampfen, Türen knallen, mit den Händen gegen unsere Hände schieben und wenn die Kinder älter sind auch tiefes atmen und bis 10 zählen oder (laute) Selbstgespräche führen („Ich bin wütend…“). Wenn wir vermuten, dass es eigentlich nur Kontakt aufnehmen wollte, können wir zeigen, wie das besser geht. Wenn wir ahnen, dass das Kind unsere Aufmerksamkeit braucht, dann können wir es bitten, uns direkt anzusprechen. Natürlich wird es dauern bis das Kind diese Strategien anwenden kann, wir sollten also unsere Erwartungen entsprechend nicht zu groß werden lassen.

Schwieriger empfinden wir es, wenn wir den Grund für das Hauen nicht direkt verstehen. In diesen Situationen kann ich nur auf ein tolles Zitat von Katja Seide vom Gewünschtesten Wunschkind Blog verweisen: „Gehen Sie immer von den unschuldigsten, bestmöglichen Motiven für das Verhalten Ihres Kindes aus!“

Was könnte also der Grund sein? Ist das Kind müde? Hungrig? Braucht es Aufmerksamkeit? Fühlt es sich nicht gesehen?
Findet das Kind die Situation einfach spannend und reproduziert sie, weil es sehen will, ob die Reaktionen gleich bleiben? Übt es also?

Für mich ist es von hier aus natürlich nicht möglich, die Motivation aufzudecken. Mir fällt ins Auge, dass K2 zur Zeit als die Streits anfingen in ein Alter gekommen ist, in dem es wahrscheinlich aktiver wurde und anfing mehr Raum einzunehmen. Gleichzeitig ist in dieser Zeit eventuell auch die Schwangerschaft für K1 „spürbar“ und sichtbar geworden? All das könnten Gründe sein – doch das ist an dieser Stelle Spekulation.

Was können die Bezugspersonen sonst aktiv tun?

An dieser Stelle ist es auch wichtig aufzuzeigen, dass Eltern selbst oft keine guten Strategien haben, mit ihrer Wut oder dem Frust umzugehen. Wenn wir in diesen Situationen Aggressionen haben, sollten wir genau hinschauen und uns fragen, was unsere Gefühle und Ängste sind. Fühlen wir uns nicht respektiert? Fehlt uns das Vertrauen? Welche Situationen in unserer Kindheit waren vielleicht schmerzhaft?
Und auch wir dürfen uns noch Strategien suchen. Ein paar meiner persönliches Tricks habe ich hier mal aufgeschrieben

Idealer Weise sollte im beschriebenen Fall die Bezugsperson so nah an den Kindern sein, dass sie das Hauen verhindern kann und in ein anderes Verhalten umleiten. K2 sollte geschützt werden so gut das geht und auch die Bezugsperson selbst darf und sollte sich „in Sicherheit“ bringen. Dazu ist es ok, Abstand zu nehmen oder zum Beispiel kurz und möglichst sanft, die Hand von K1 festzuhalten. Das ist selbstverständlich sehr anstrengend und wird nicht immer gelingen.

Gleichzeitig ist es für Dreijährige, eigentlich schon für Zweijährige, wichtig, dass sie im Alltag den Bedürfnisaufschub und somit ihre Impulskontrolle trainieren können. (Kurz warten bis der Papa die Wäsche gefaltet hat bevor es auf den Arm kann, wäre ein Beispiel dafür). Dafür müssen wir nicht künstlich Situationen herstellen, sie ergeben sich ganz natürlich. Während wir Babys sofort hochnehmen, ist es für ein Kind ab circa 2 Jahren wichtig, dass ihm auch mal zugemutet wird, zu warten.

Haben wir versucht, die Bedürfnisse aller Beteiligten herauszufinden, Worte geliehen, Alternativen aufgezeigt, getröstet und verhindert, dann bleibt uns zu guter Letzt nur noch, zu akzeptieren, dass es bei Kindern in dieser Altersspanne passiert und vollkommen normal ist. Streit und Auseinandersetzungen gehören zu jedem Familienleben dazu.

 

Solltet ihr auch konkrete Fragen zu eurem Familienleben haben, könnt ihr sie mir gerne schicken. Alle Einsendungen werden anonym behandelt und ihr bekommt die Antworten vorab von mir.

Eure Julia aus der guten Kinderstube

 

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