Jungsmama. So ein Quatsch. Oder?

03.09.2018

Ich sah es auf dem Monitor noch bevor die Ärztin fragte, ob wir das Geschlecht des Babys wissen wollen. Und ich war geschockt. Und dann war ich geschockt, dass ich das fühlte, was ich fühlte. Denn das war nicht einfach reine Freude, wie ich sie erwartet hatte.

Und dieses Gefühl, das ich gar nicht richtig fassen konnte, das mir Tränen in die Augen trieb, ging auch bis zum nächsten Tag nicht weg. Wie konnte ich nur so ein Gefühl haben? Ich bin doch jemand, der immer sagt, dass es vollkommen egal ist, welches Geschlecht mein Kind hat, weiblich, männlich oder irgendetwas anderes. Ich bestimme darüber nicht und es ist für mich nicht relevant – dachte ich immer.

Nun saß ich da. Ich dachte nach. Wir alle hatten uns im Vorfeld ein Mädchen gewünscht. Ganz unreflektiert. Warum eigentlich? Was haben wir damit verbunden?

In der ersten Schwangerschaft hatte ich mir einen Jungen gewünscht, weil ich das als Kind schon so festgelegt hatte. Doch als ich erfuhr, dass sie ein Mädchen ist, war da nur Freude. Dabei hatte ich doch nur erfahren, dass sie eine Vagina hat. Warum also war das Thema überhaupt wichtig? Warum konnte diese kleine Enthüllung große Freude oder dieses mulmige Gefühl in mir auslösen?

Junge mit HaarspangeIch gebe zu, ich habe lange gebraucht, um mich diesem Thema zu stellen. Ich vertrieb das Gefühl, irgendwie, denn mein Schuldgefühl, überhaupt irgendetwas Negatives zu meinem Kind zu empfinden war riesig. Gerne hätte ich darüber geredet, darüber geschrieben, aber ich schämte mich richtig. Und ich hatte Angst, irgendjemand, am Ende mein Kind, könnte denken, es wäre nicht gut so wie es ist.

Erst im Laufe der Zeit stieg ich immer mehr dahinter, wie viel in meinem Kopf eben doch genau so denkt, wie es mir vorgelebt und beigebracht wurde. Wie Mädchen sind, wie Jungen sind, wie Männer sind, wie Frauen sind, wer was gut kann: All das sitzt tiefer verankert in mir als ich dachte. Es zeigt sich in vielen Kleinigkeiten, die mir nicht bewusst sind und es ist in meiner Sprache hörbar.

Also begann ich, mich noch mehr zu reflektieren und mich dem Gefühl voll zu stellen statt es zu verdrängen. Ich konnte das Schuldgefühl abbauen, weil ich mir schnell und grundlegend gewahr wurde, dass dieses Gefühl nichts mit meinem Kind zu tun hat. Ich liebte und liebe mein Kind, so wie es ist, genau wie seine Schwester, einfach weil sie sind.

Als nächstes wurde mir klar, dass es eben so stark in unserer Gesellschaft verankert ist, dieses Konstrukt von Geschlecht, Sexualität und den damit einhergehenden Eigenschaften, dass es nur schwer zu überwinden ist. Denn meine erlebte Realität ist schließlich, dass zum Großteil Frauen, also Menschen mit Vagina, die Beziehungsarbeit leisten, kommunizieren und sich um Carearbeit kümmern. Und es sind die Männer, die wortkarg sind, nicht weinen, sich weniger in Frage stellen usw.
Sie alle, wir alle sind so aufgewachsen und sich dem zu entziehen ist fast nicht vollumfänglich möglich. Ausbrechen tun doch letztlich nur die, die es „müssen“, weil sie nicht in das System passen.

Junge mit Wollmütze, Feuerwehrbuch

Für mich als Mutter war in dem Moment als ich wusste, dass ich einen kleinen Mensch mit Penis in mir habe, klar, dass es eine schwere Aufgabe werden wird, mich in dieser Gesellschaft mit meinen Idealen zu bewegen. Bei meiner Tochter war das nicht schwer. Sie konnte mit allen Spielsachen spielen, alle Farben und auch alle Formen an Klamotten tragen. Alle Leute fanden es furchtbar süß, als sie als „Feuerwehr“ durch die Gegend lief oder wenn sie mit Hammer und Helm vor der Baustelle saß und den Bauarbeitern ewig zuschaute. Als dann pink und lila ihre Lieblingsfarben wurden, war das genauso ok. Sie war ja schließlich doch ein Mädchen und „da ist das eben irgendwann so“. Sie hat lange Haare, doch würde sie sich entscheiden, sie schneiden zu lassen, es wäre kein Problem.

Bei meinem Sohn, dem kleine Menschen mit Penis, der noch gar nicht weiß, ob er ein Junge ist oder ein Mädchen, ist es ganz anders. Die Menschen sind regelrecht schockiert, wenn er in pinken Sachen oder Kleidern umherläuft. Wir lassen seine Haare, wie bei seiner Schwester, nicht schneiden bis er das möchte und das sorgt tatsächlich für Kommentare!

Jetzt ist er zwei und er versteht nicht, was die Leute sagen. Doch natürlich mache ich mir Sorgen, wie wir in weiter unterstützen können, zu sein wie er will, zu tragen was er will. Wie sehr wird der Kindergarten, in den er ab Ende des Jahres gehen soll beeinflussen? Ich habe Angst, dass er entweder ausgelacht und gemobbt wird oder dass er sich eben anpasst, nicht, weil er das altersgerecht einfach tut, nicht instinktiv, sondern weil die Rosa-Hellblau-Falle so stark herrscht.

Und daher kann ich sagen: Es ist nicht egal, dass er einen Penis hat. Es ist MIR vielleicht egal, für unser Leben aber macht es einen großen Unterschied. Das finde ich furchtbar und das ist auch Auslöser für das mulmige Gefühl in meinem Bauch.

Ich finde mein Kind perfekt so wie er ist, ich liebe ihn oder sie so sehr, dass es dafür auf der Welt keine Worte gibt. Er und ich, wir sind in Ordnung, wir haben kein Problem.
Aber die Welt und ich – wir haben eins.

Eure Julia aus der guten Kinderstube

 

 

 

11 Comments

  • Sophie sagt:

    Super Blogpost ❤️ Und dazu kann ich nur folgenden TED-Talk empfehlen:
    https://m.youtube.com/watch?v=eosTHMwVhyk

    Liebe. Und lets fight the straight worlorder! Peace out 🙌
    Sophie

  • Emmi sagt:

    Liebe Julia,
    ich kann deine Gedanken und Gefühle so gut nachempfinden. Für Mädchen ist es sehr viel leichter sich auszuleben und auszuprobieren wie für Jungs. Ich bin froh, dass die Kinder bei uns in der kleinen Kita (in der ich arbeite) diesen geschützten Raum haben. Es ist hier von Anfang an und immer wieder thema. Hier können die Jungs Prinzessinnen sein, übernehmen in Spielen die Rolle der (stillenden) Mutter, lackieren sich die Nägel, malen mit Pink und Glitzer…. Und lieben das! Hin und wieder kommt mal von einem Kind noch der Spruch „Aber das ist doch nur was für Mädchen /Jungs“ aber mittlerweile muss ich mich gar nicht mehr einklinken sondern merke, wie die anderen Kinder auf diese Aussagen reagieren und erklären, dass Farben, Berufe usw. Für alle da sind und jeder das sein kann, was er mag. Das ist schön zu sehen. Und dann kommt am elternabend der Spruch von einem Vater „also bitte! Ich kann mich jawohl nicht auf einem rosa Stuhl setzen!“…. Kopfschüttel
    Ich hoffe, dass dein kleiner in eine Einrichtung kommt, wo reflektiert gearbeitet wird, er dahingehend unterstützt wird und die kindergruppe aufgeklärt wird sollte er einmal ausgelacht werden!

    • Julia sagt:

      Das klingt toll bei euch. Ist das noch Krippenbereich oder bis zum Schuleintritt?
      Leider bin ich mir nicht sicher, wie gut unsere Kita da ist. Wir sind mit der Betreuung unserer Großen zufrieden, sie geht gerne hin und fühlt sich wohl.
      Sie haben immer auch Bücher zum „anders sein“ im Regal, sind insgesamt engagiert, liebevoll und die Leitung ist einfach grandios. Trotzdem gibt es noch einige Punkte, die ich schwierig finde, beim Umgang mit Gefühlen oder Streit.
      Die Große war ja auch schon 5 als sie startete und schon „gefestigter“. Trotzdem gibt es Themen wie „Mama, die Jungs machen immer Mädchenalarm und das mag ich gar nicht.“ etc. Ich fürchte, dass das nicht mit den Kindern reflektiert wird. Ich werde es mal ansprechen. Einiges werde ich wohl erst besser einschätzen können, wenn die Eingewöhnung des Kleinen startet. Seufz!

  • Marlene sagt:

    Ich habe in der Schwangerschaft die gleiche Erfahrung gemacht wie du. Ich dachte mir wäre das Geschlecht völlig egal. Ich war aber irgendwie von einem Mädchen ausgegangen. Als der Arzt dann sagte : wenn das kein Junge ist, hänge ich meinen Beruf an den Nagel, da kann man ja fast neidisch werden! da kam ein komisches Gefühl auf. Erstmal weil ich den Arzt doof fand, aber es änderte sich auch etwas in mir.
    Die Beziehung zu diesem kleinen Wesen in meinem Bauch war plötzlich weg. Ich fühlte mich auf einmal nicht mehr mit ihm verbunden. Das hat mich sehr geschockt. Auch ich fühlte mich schuldig.
    Meine persönliche Erklärung dafür ist, dass ich einfach unglaublich viele sehr schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht habe und das schon in sehr jungen Jahren. Dabei hatte sich in mir das Bild verfestigt, dass der Penis das Böse ist. Ich wollte nicht die Menschen hassen, also gab ich diesem Ding die Schuld.
    Ich nahm mir dann bewusst Zeit für diesen Menschen in meinem Bauch, versuchte ihn kennen zu lernen und merkte wie eine neue Verbindung entstand. Und ich machte es mir zur Aufgabe mein Kind so aufwachsen zu lassen, dass es nicht irgendwelche Klischees und gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen muss. Damit es mit Herz und Verstand handeln kann und respektvoll mit allen Menschen umgeht.
    Ich bin noch ziemlich am Anfang dieses Weges und muss ihn mir immer wieder bewusst machen, damit ich achtsam bleibe. Denn diese Rollenbilder sind wirklich tief verankert, auch wenn wir es nicht glauben wollen.

    • Julia sagt:

      Das tut mir leid, dass Deine persönlichen Erfahrungen mit Männern Deine Sicht auf das Thema noch stärker prägen.
      Ich wünsche Dir viel Kraft für Deinen Weg.
      Liebe Grüße
      Julia

  • Jessi sagt:

    Ein wunderschön reflektierter Text zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt. ♥️

    Liebe Grüße
    Jessi

  • Kleinstadtlöwenmama sagt:

    Ganz genauso geht es mir auch! Der Löwenjunge mag sehr gerne rosa, er geht zusammen mit seiner Schwester ins Ballett (als einziger Junge natürlich) und er lässt sich auch gerne die Nägel lackieren. Im Kindergarten sorgt das wohl immer und immer wieder für Bemerkungen. Und ich als Mutter muss immer abwägen: Wie viel Anderssein hält er aus? Er, der durch sein Extrachromosom ja sowieso schon für viele „anders“ ist und der sich sprachlich auch nur schlecht ausdrücken – und daher auch kaum erkären oder verteidigen kann.

  • Anette sagt:

    So traurig in unserer „ach so toleranten Welt“!
    Ein Junge mit Nagellack im Kindergarten? Nein – das geht aber gar nicht. Schade, dass wir noch nicht weiter sind in unserer Gesellschaft Diese Denke / Tradition ist so tief in uns Menschen verankert, da werden wir noch eine zeit lang mit zu kämpfen haben. Da hilft nur, selbst stark und mutig dagegen halten.
    Vielen Dank für diesen offenen Artikel!

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